Tagung Enthymem 2011 Arcadeon Hagen

Tagung 2011

Wie überzeugen Juristen? Diese Frage, die Öffentlichkeit und Fachpublikum gleichermaßen bewegt, war Gegenstand der Tagung „Das Enthymem – Zur fragmentarischen Ordnung der Dinge“, die vom 29. – 30 April 2011 in Hagen unter der Leitung von Katharina Gräfin von Schlieffen und Rolf Gröschner (Jena) stattfand. Die Veranstaltung war das erste Kooperationsprojekt der FernUniversität Hagen, der Universität Jena und FIRM. Während in der juristischen Methodenlehre nach wie vor vertreten wird, Justizentscheidungen seien ein streng logischer Akt, bei dem nach engen wissenschaftlichen Vorgaben die Rechtsfolge aus dem Gesetz quasi naturwissenschaftlich für den Einzelfall abgeleitet werde, verfolgt die Rechtsrhetorik neue innovative Ansätze. Empirischen Studien zufolge könnte das Argumentationsmuster gerichtlicher Entscheidungen stärker durch Enthymeme als durch syllogistische Gesetzesanwendung geprägt sein. Kennzeichnend für das Enthymem ist seine große rhetorische Überzeugungskraft, die es aus seinen – oftmals unausgesprochenen – im Hintergrund wirkenden allgemein anerkannten Prämissen zieht. Die Ergebnisse der Tagung sind in einem Tagungsband erschienen : „Das Enthymem – Zur Rhetorik juridischen Begründens“, Berlin 2011.

„Der Sammelband „DAS ENTHYMEM: Zur Rhetorik des juridischen Begründens. In-terdisziplinäres Symposion zur Methode und Theorie der Rechtsrhetorik an der FernUniversität Hagen“ fasst die Ergebnisse der erfolgreichen Tagung aus dem Jahr 2011 zusammen. Dreizehn Beiträge behandeln das Enthymem als ein ergiebiges Modell juridischen Begründens für die rechtswissenschaftliche Grundlagenforschung und die rechtliche Praxis. Das Enthymem, nach Aristoteles eine Deduktion aus anerkannten Meinungen, wird als rhetorisches Mittel zur Darstellung der Herstellung einer rechtlichen Begründung abgegrenzt von (scheinbaren) Mitteln wie dem (Justiz-)Syllogismus. Neben Herleitung und grundlegender Definition (Rapp, Kraus, van Zanwijk) widmen sich die Autoren, allen voran Katharina Gräfin von Schlieffen, die als Mitveranstalterin auch Herausgeberin des Bandes ist, den einzelnen Arten des Enthymems. Neben das deduktionsorientierte Enthymem treten Beispiel- und Zeichenenthymeme, die in ihrem jeweiligen Aufbau erklärt werden (Gröschner, Schapp, Seibert, Neumann). Dabei kommt dem häufig regellosen, wenn auch manchmal regelorientierten »Übergang« von der Behauptung zu deren Begründung besondere Aufmerksamkeit zu. Nicht vergessen wird in diesem Zusammenhang ein Hinweis auf die nicht-argumentativen Überzeugungsmittel des Juristen, die rhetorischen Figuren, das sprecherbezogene Ethos sowie das auditoriumsbezogene Pathos. In Abgrenzung zu anderen argumentativen Mitteln arbeiten die Beiträge heraus, dass das Enthymem, entgegen der überkommenen syllogismus-truncatus-Lehre, kein verkürzter Syllogismus ist, dem eben nur eine oder mehrere Prämisse(n) oder die Folgerung fehlten. Auch von der diskurstheoretischen oder neorhetorischen Argumentationstheorie muss das Enthymem unterschieden werden: Rationalität gewährleisten Sprech- und Verhaltensweisen sowie das komplexe Beziehungsnetz in der Situation, nicht jedoch ethos- und emotionsfreie Argumente. Vielmehr können – entgegen Toulmin – auch logisch unschlüssige Begründungen über entfernte Endoxa oder Topoi für die Rhetorische Rechtstheorie plausibel sein. In einem Ausblick hebt die Herausgeberin die Bedeutung der enthymematisch-rhetorischen Perspektive als Bereicherung für das analytische Instrumentarium des Juristen hervor: Dafür vermag Logik allein keine umfassende Erklärung liefern.“